Prof. Dr. Pospiech im Gespräch über "Komposit und die Werkstoffkunde dahinter"

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Prof. Dr. Pospiech im Gespräch über "Komposit und die Werkstoffkunde dahinter"

Laut einer aktuellen Statistik [1] haben die Frakturen von Komposit-Restaurationen in den vergangenen 10 Jahren zugenommen. Woran kann dies Ihrer Ansicht nach liegen?

Ich denke, dass ist ein „multifaktorielles Problem“, wie man so schön sagt. Einerseits nimmt die Zahl der Komposite zu und auch im Seitenzahnbereich, der Domäne des Amalgams, werden fast nur noch zahnfarbene Materialien und hier eben auch schwerpunktmäßig Komposite verwendet. Wenn die absolute Zahl zunimmt, muss natürlich auch die Zahl der Misserfolge zunehmen. Andererseits werden die Komposite immer spröder, da sie einen sehr hohen Fülleranteil haben. Ein Hersteller warb ja einmal mit dem Slogan: Die Keramik aus der Tube. Nicht unterstützte Randleisten und dünn auslaufende Ränder, wie sie dann doch eher bei direkten Restaurationen vorkommen, sind dann natürlich auch stärker gefährdet. Oft wird aber auch die Indikationsstellung etwas überdehnt, denn wenn die Restaurationen größer werden, ist es gerade im Seitenzahnbereich sehr schwierig, auch noch im direkten Verfahren eine perfekte Kaufläche zu zaubern.

Wie gelingt es, einen roten Faden durch das wachsende Labyrinth aus verschiedenen Materialgruppen und Nomenklaturen innerhalb der Komposite zu finden?

Idealerweise dadurch, dass man das E-WISE–Seminar anschaut (lacht).

Aber Spaß beiseite: Daneben ist es meines Erachtens ganz wichtig, dass man sich auf ein System einschießt, sich vertraut damit macht und langfristig damit arbeitet. Jeder renommierte Hersteller hat sehr gute Produkte auf dem Markt. Man sollte versuchen, möglichst bei einem zu bleiben, denn je nach Konsistenz, Farbwirkung, Verbundsystem, Verarbeitbarkeit etc. sind doch kleine Unterschiede vorhanden. Ständiger Produktwechsel ist in meinen Augen eher kontraproduktiv. Und innerhalb eines Systems kann man sich dann doch recht gut für die jeweiligen Indikationen zurechtfinden.

Welche Fragen sollten Zahnmediziner stellen, bevor sie ein neues Kompositmaterial anwenden? Wo liegen die Unterschiede zwischen den Produkten?

Man sollte den Vertreter fragen: Was wurde konkret gegenüber dem Vorgängermaterial verbessert? Gibt es werkstoffkundliche Untersuchungen? Gibt es vielleicht sogar schon eine klinische Studie.

Für mich ist immer wichtig: Wie ist das Handling? Es sollte gut in die Kavität hineingebracht werden können, aber doch standfest sein, also letztlich eine gute Thixotropie haben. Und: Es sollte nicht am Instrument kleben. Im Zweifelsfalle sollte man sich die Mühe machen, zunächst am extrahierten Zahn eine oder zwei Probefüllungen durchzuführen. Die Zeit sollte man sich in jedem Fall nehmen. Und dann natürlich auch die Frage nach der Polierbarkeit. Auch die sollte man einmal erlebt und gemacht haben, bevor man seine Materialien umstellt.

Als Vorteil von Komposit wird oft dessen Elastizität erachtet. Ist das Beimengen von Keramikbestandteilen und damit die Zunahme der Sprödigkeit nicht widersinnig?

Ja, das sagte ich auch oben schon. Das spielt aber nur da eine Rolle, wo dünne Ränder oder Überhänge von Material (wie z. B. im Approximalbereich) auf Biegung beansprucht werden. Dann knackt es. Deshalb gilt eigentlich für alle Therapiemaßnahmen: Eine gute sogenannte „Case-Selection“ ist alles: Sorgfältige Indikationsstellung, kein Überziehen der Anwendung – dann funktioniert es.

Als anorganische Komponenten sind der organischen Matrix verschiedene Füller untergemengt. Was ist Ziel der Füller im Komposit? Welche Bedeutung hat der Fülleranteil in einem Komposit? Worauf sollte der Zahnmediziner achten?

Die Füller stellen im Grunde die Seele der Komposite dar. Mit ihnen werden die Eigenschaften moduliert und feingetunt. In ihnen unterscheiden sich auch die einzelnen Hersteller. Die zunächst wichtigste Aufgabe ist die möglichst große Reduktion der Polymerisationsschrumpfung des Kompositwerkstoffes. Aber auch Härte, Festigkeit, Polierbarkeit, Wärmedehnungskoeffizient, Farbe, Transluzenz und Radioopazität sind Faktoren, die über Füller eingestellt werden können.

Wodurch wird das Verbundsystem „Zahn“ und „Komposit“ beeinflusst?

Für das Gelingen eines guten Verbundes braucht es natürlich einerseits gute Werkstoffe. Auf der anderen Seite ist die Handhabung ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die Konditionierung der Zahnoberfläche spielt ebenfalls eine wesentliche Rolle, bei nicht-plastischen Füllungen natürlich auch die der Inlays.Deshalb ist der Gebrauch des Kofferdams wenn immer möglich eine conditio sine qua non. Es gibt sehr gute Kofferdamsysteme und die sollte man tatsächlich nutzen, um Speichel- und Feuchtigkeitseinfluss auf die Verbundflächen maximal zu reduzieren.

Worauf ist bei der Entscheidung für eine neue Lichthärtelampe unbedingt zu achten?

Auch hier hat sich einiges getan. Wie im Seminar erläutert, gibt es mittlerweile verschiedene Photoinitiatoren in den Kompositen, die von Licht unterschiedlicher Wellenlängen aktiviert werden.  Deshalb ist heute darauf zu achten, dass bei einigen neuentwickelten Kompositen sog. „Polywave“-Lampen Verwendung finden, um tatsächlich das gesamte notwendige Spektrum abzudecken. Wer natürlich bei herkömmlichen Kompositen bleiben möchte, muss natürlich auch nicht zwingend die Lampe wechseln, auch wenn man mindestens einmal im Jahr die Lichtleistung überprüfen sollte. Auch hier gilt es wieder, sich für ein System zu entscheiden und dabei zu bleiben und damit sehr gute Ergebnisse zu erzielen. Man kann ja auch in der Formel-1 mit einem vielleicht etwas PS-schwächeren Auto trotzdem Weltmeister werden, weil man das Auto kennt und Fahrer und Maschine perfekt miteinander verschmolzen sind (lacht!).

Warum gibt es eigentlich kein Universalkomposit für die direkte Füllungstherapie?

Jedes Komposit ist sozusagen auf die speziellen Anforderungen getrimmt. Frontzahnkomposite müssen so z. B. weniger mechanisch belastbar sein. Auch hier verweise ich noch einmal auf das Online-Seminar.

Wie erachten Sie als erfahrener Dozent und Referent die Wissensvermittlung über ein Online-Seminar?

Ich finde diese Möglichkeit der Wissensvermittlung aus der Sicht des Zuschauers faszinierend, weil es natürlich lebendiger als ein Buch ist und man trotzdem immer wieder „nachschlagen“ kann. Genau das ist aber aus der Sicht des Dozenten erst einmal schwieriger und belastender, weil es einen höheren Grad an Perfektion erfordert. Jeder Fehler in der Aussprache oder auch im Verhalten vor der Kamera wird natürlich viel genauer beobachtet als dies in einem Live-Vortrag passiert.Man kann als Referent auch keine Fühlung mit dem Publikum aufnehmen, man bekommt kein direktes Feedback durch Reaktionen – und wenn es auch nur ein kleiner Lacher oder Gähnen ist -, sondern schaut einfach nur in eine Kamera. Das bedarf schon etwas Übung und ich bin mir nicht sicher, ob mir das beim ersten Mal wirklich so gut gelungen ist. Alles in allem ist es aber ein tolles Format und ich hoffe, dass es in Deutschland genau so gut ankommt wie bei den Kollegen in Holland. 

Das Interview führte Annett Kieschnick, erschienen in der Dentista 01/2018. 

Das Online-Seminar von Prof. Pospiech ist mit 2 CME-Punkten zertifiziert.

Zum Seminar Komposite-Werkstoffkunde

[1] Alvanforoush N, Palamara J, Wong RH, Burrow MF: Comparison between published clinical success of direct resin composite restorations in vital posterior teeth in 1995-2005 and 2006-2016 periods. Aust Dent J 62 (2), 132-45 (2017)