Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung

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Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung

Nachgefragt bei PD Dr. Dr. Peer Kämmerer zur Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung

Wie kam es zu Ihrer Spezialisierung auf das eben präsentierte Thema?

PD Dr. Kämmerer: Ich habe mich damals mit meinem guten Freund und jetzigem Chef, Prof. Al-Nawas, zusammengesetzt. Wir haben darüber beraten, was man am besten bei Patienten unter blutgerinnungshemmender Medikation macht. Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass die Evidenz chirurgisch nicht so gut ist und haben dementsprechend eine Literaturanalyse durchgeführt und diese auch publiziert. Diese wurde zur Basis für die Leitlinie und die weitere Beschäftigung. Letztendlich war es die Sorge um das Patientenwohl und das Ziel, evidenzbasierte Richtlinien zu schaffen.

Welche akademische und praktische Relevanz hat das Thema aus Patienten-/Ärztesicht in den letzten Jahren erlangt?

PD Dr. Kämmerer: Das Thema wird immer relevanter, da immer mehr Patienten diese Antikoagulantien zu sich nehmen. Besonders die neuen oralen Antikoagulantien werden wichtiger und auch die Indikationen werden breiter. Aus Patientensicht ist es so, dass da die Verunsicherung steigt. Die Patienten sind besorgt, dass sie potentiell mehr bluten und stellen diese Fragen dem Zahnarzt. Dementsprechend ist dann die klinische Wissenschaft gefragt. Wir brauchen Studien zu den Fragen, was wir mit den neuen oralen Antikoagulantien machen und die Durchführung welcher Maßnahmen am meisten indiziert ist. Die nächste Frage ist dann bei welchen Patienten dann doch abgesetzt werden kann. Beispielsweise ist hierzu nach der Fertigstellung der Leitlinie eine Studie erschienen, die zeigte, dass bei Patienten die Vorhofflimmern haben, man durchaus die Medikation absetzten kann. Das wurde mit einer Placebogruppe kontrolliert. Es kann sein, dass man gar nicht sagen kann, dass man ein Antikoagulanz generell absetzen kann bzw. nicht kann. Die Tendenz geht dahin, dass man individualisieren muss und genau hinschaut, bei welchem Patienten welches Risiko besteht. Darauf adaptiert wird dann eine Behandlung gewählt.

Wie schätzen Sie die Unsicherheit bei den zahnärztlichen Kollegen bezüglich der Medikamentengabe und deren korrekter Anwendung ein?

PD Dr. Kämmerer: Ich denke, dass die Unsicherheit immer noch relativ groß ist. Niemand möchte den blutenden Patienten bei sich haben. Da geht es viel um Wahrnehmung durch den Patienten und Außenwahrnehmung. Eine Leitlinie muss gelesen und auch wahrgenommen werden. Ich denke, da gibt es durchaus noch Verbesserungsbedarf.

Welche aktuellen Forschungsvorhaben sind zur präsentierten Thematik international in den Startlöchern? Gibt es diese überhaupt?

PD Dr. Kämmerer: Zu der internationalen Thematik muss man sagen, dass die Anwendung der Tranexamsäure im deutschsprachigen Raum immer mehr erforscht wird. Die hauptsächliche Evidenz, die wir haben, ist im anglo-amerikanischen Raum, da die Zulassung in Deutschland noch nicht soweit ist. Ansonsten ist die Forschungslandschaft relativ leer, besonders wenn man sich ansieht, welche Relevanz das Thema eigentlich für uns hat.

Wie gut sind die Zahnärzte in Deutschland in dieser Hinsicht mit den Hausärzten vernetzt? Besteht hier Optimierungsbedarf?

PD Dr. Kämmerer: Ich denke, das ist eines der massiven Probleme, die wir haben. Besonders wenn wir uns in den Kopf rufen wie wenig ein Mediziner von Zahnmedizin am Ende versteht. Es gab einmal eine Studie bei der gefragt wurde, wann Hausärzte die Patienten lieber bridgen würden – nach einer Zahnextraktion oder nach einer Wurzelkanalbehandlung. Die meisten Hausärzte tendierten eher zu einer Wurzelkanalbehandlung als zu einer Extraktion, obwohl wir ja wissen, dass eine Wurzelkanalbehandlung ein deutlich geringeres Risiko der Nachblutung hat.

Inwieweit sollte Ihrer Meinung nach das Thema auch im Zahnmedizinstudium stärker fokussiert werden?

PD Dr. Kämmerer: Das Thema ist ein Wesentliches für das Zahnmedizinstudium. Ich denke, es wird immer mehr thematisiert. Bei uns in der chirurgischen Propädeutik haben wir einen eigenen Bereich, eine eigene Veranstaltung, dafür geschaffen, bei der es ums Erkennen der Blutungskomplikationen, um die Prävention und die Behandlung geht. Die Relevanz ist groß, aber ich denke, dass das auch in der Ausbildung angekommen ist.

Welche Vorteile bringt die S3-Leitlinie mit sich?

PD Dr. Kämmerer: Die S3-Leitlinie bringt den Vorteil, dass die Literatur den Zahnärzten nahe gebracht wird. Ich gehe davon aus, dass nicht jeder an der Universität die Zeit hat, sich durch die Berge an Studien und Reviews zu wühlen. Deshalb ist die Leitlinie einfach etwas, wo es zusammengefasst und in Häppchen präsentiert wird. Dadurch gibt es die Möglichkeit sich mit dem Thema - ohne den riesigen Aufwand zu betreiben, den wir damals hatten - zu beschäftigen.

Welchen Beruf hätten Sie gewählt wenn Sie nicht MKG-Chirurg geworden wären?

PD Dr. Kämmerer: Da mir das Schreiben, was man ja an meinen Publikationen sieht, immer sehr viel Spaß gemacht hat, hätte ich wahrscheinlich etwas im Bereich der Germanistik und Philosophie gewählt. Das hat mich auch sehr interessiert, aber meine Eltern meinten damals, das wäre nichts für mich.

Hand aufs Herz: Wie digital sind Sie persönlich?

PD. Dr. Kämmerer: Das Digitale ist für mich relativ wichtig. Angefangen vom iPad bis über das iPhone, von dem man mich schlecht wegbekommt, bis hin zur digitalen Planung von Operationen. Die Spannweite geht über Blockaugmentation, Fibularekonstruktion bis hin zur Dysgnathiechirurgie, die bei uns inzwischen größtenteils digital ist. Man kann also sagen, dass es vom Privaten bis ins Berufliche recht umfassend ist.

Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung

Das Interview führte Maria E. Matthäus, Editorin für Zahnmedizin bei E-WISE.